Das Handelsblatt Research Institute (HRI) hat seine Konjunkturerwartung für Deutschland abermals leicht zurückgenommen. Für das laufende Jahr erwartet das HRI nunmehr ein reales Wirtschaftswachstum von 0,7 und für das kommende Jahr von 0,8 Prozent – vor drei Monaten lag die Prognose noch bei 0,7 und 0,9 Prozent.
„Die deutsche Industrie hat massiv an Wettbewerbsfähigkeit verloren; das exportorientierte Geschäftsmodell der Volkswirtschaft funktioniert nicht mehr“, sagt Handelsblatt-Chefökonom Bert Rürup. Tatsächlich bremst der Außenhandel seit 2022 die deutsche Konjunktur, angesichts stark gestiegener Importe bei sinkenden Exporten im Jahr 2025 sogar um 1,5 Prozentpunkte. Einen solch stark negativen Außenbeitrag gab es – sieht man vom Finanzkrisenjahr 2009 ab – im wiedervereinigten Deutschland noch nie.
Der Angriff der USA und Israels auf Iran am 28. Februar habe alle Hoffnungen auf ein kleines Wirtschaftswunder mit Wachstumsraten oberhalb von einem Prozent zunichtegemacht, heißt es in der HRI-Prognose. Die Preise für fossile Energien schnellten in die Höhe – und ließen Erinnerungen an den Beginn des Ukrainekriegs vier Jahre zuvor wachwerden. Damals drohte Deutschland das Gas auszugehen; infolge der Preisschocks auf den Energiemärkten kletterte die Inflation auf über zehn Prozent.
Das HRI geht davon aus, dass der Irankrieg in einigen Wochen enden dürfte – und sich dann die globalen Energiepreise allmählich normalisieren werden. Dennoch dürften die Preise nicht so schnell auf das Niveau vor dem Angriff auf den Iran zurückgehen. Im Gesamtjahr 2026 dürfte die Inflation in Deutschland daher auf 2,6 Prozent steigen, nach 2,2 Prozent im vergangenen Jahr. Im Jahr 2027 dürfte die Teuerung leicht auf 2,4 Prozent sinken, gleichwohl aber noch immer über dem Zielwert der Geldpolitik von zwei Prozent liegen.
Angeschoben wird die Konjunktur in Deutschland von der expansiven Fiskalpolitik, allen voran die massiven Staatsausgaben für Infrastruktur, Rüstung und Staatskonsum. Die kontinuierlich wachsende Staatstätigkeit hat jedoch ihren Preis: Ab diesem Jahr wird Deutschland die im Maastricht-Vertrag verankerte Grenze für das Haushaltsdefizit in Höhe von drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts erstmals seit dem Corona-Jahr 2021 wieder reißen. Das HRI rechnet dieses Jahr mit einer Defizitquote von 3,7 und kommendes Jahr von 4,4 Prozent. Angesichts der im Grundgesetz verankerten Sondervermögen für Rüstung und Infrastruktur, die nicht in der nationalen Schuldenbremse berücksichtigt werden, ist ein Ende dieser hohen Haushaltsdefizite nicht abzusehen.
„Die hohen schuldenfinanzierten Staatsausgaben können die persistente Wachstumsschwäche zwar überdecken, doch aus der Welt schaffen können sie diese nicht“, resümiert Handelsblatt-Chefökonom Rürup. Was Deutschland fehle, sei eine konsistente Strategie, um die Folgen der alternden Bevölkerung zu bewältigen und die Wettbewerbsfähigkeit seiner Industrie zu stärken. „Angesichts eines dramatisch gesunkenen Trendwachstums ist mehr als Miniwachstum gegenwärtig nicht drin. Das ist die neue Realität.“
Kontakt
E-Mail: pressestelle@handelsblattgroup.com
Über das Handelsblatt Research Institute
Das Handelsblatt Research Institute (HRI) ist ein unabhängiges Forschungsinstitut unter dem Dach der Handelsblatt Media Group. Es schreibt im Auftrag von Kunden, wie Unternehmen, Finanzinvestoren, Verbänden, Stiftungen und staatlichen Stellen wissenschaftliche Studien. Dabei verbindet es die wissenschaftliche Kompetenz des 20-köpfigen Teams aus Ökonom:innen, Sozial- und Naturwissenschaftler:innen sowie Historiker:innen mit journalistischer Kompetenz in der Aufbereitung der Ergebnisse. Es arbeitet mit einem Netzwerk von Partner:innen und Spezialist:innen zusammen. Daneben bietet das Handelsblatt Research Institute Desk-Research, Wettbewerbsanalysen und Marktforschung an.